Wenn ich die Augen schließe und an den Duft denke, der aus meinem Ofen strömt, wenn ein frisches Ciabatta Brot seine goldene Kruste ausbildet, dann ist das nicht nur ein Duft – es ist ein Versprechen. Ein Versprechen auf Wärme, auf Knusprigkeit, auf einen Moment der Ruhe und des Genusses. In diesem Beitrag nehme ich euch mit auf eine Reise – nicht nur durch ein Rezept, sondern durch das Erlebnis, ein Brot zu erschaffen, das an die sonnengeküssten Felder Italiens erinnert, während draußen der Wind über die Dächer Deutschlands fegt.
1. Die Vorbereitung – Mehr als nur der Anfang
Bevor man sich in die Kunst des Backens stürzt, braucht es mehr als Zutaten. Es braucht Hingabe, Geduld und eine Prise Mut. Die Herstellung eines perfekten Ciabatta Brots ist kein Sprint – es ist ein Marathon, ein Tanz über Stunden hinweg, bei dem man dem Teig zuhört, mit den Händen fühlt und mit dem Herzen entscheidet.
Ich beginne meine Reise früh am Morgen oder spät am Abend – denn dieses Brot braucht Zeit. Es lebt von der Ruhe, von der langsamen Gärung, von der Geduld, die wir heute so selten aufbringen. Doch glaubt mir: Dieses Brot wird es euch hundertfach danken.
2. Die Zutaten – Die Protagonisten meiner kleinen Brotrevolution
Wenn ich meine Zutaten zusammenstelle, ist das wie das Aufstellen eines Orchesters. Jeder Einzelne muss seinen Ton treffen, um das große Ganze perfekt zu machen:
- 630er Dinkelmehl – Ich verwende es, weil es Charakter hat. Es ist nicht so „glatt“ wie Weizen, es hat Biss, Seele, Geschichte. Es erinnert mich an alte Mühlen, an Staub in der Luft, an Handarbeit.
- Frische Hefe – Lebendig, zart. Sie ist die stille Heldin, die das Brot hebt wie eine sanfte Umarmung.
- Lauwarmes Wasser – Nicht zu kalt, nicht zu heiß. Es muss sich gut anfühlen – wie der erste Frühlingstag nach einem langen Winter.
- Ein Teelöffel Honig – Für den leichten Kuss an Süße, der der Hefe Kraft gibt. Keine Zuckerflut, sondern ein zarter Fingerzeig.
- Meersalz – Keine Kompromisse. Es bringt Tiefe, Struktur und Bodenhaftung.
- Ein Spritzer gutes Öl – Ich verwende meist Olivenöl, weil es Italien in mein Brot träufelt.

3. Werkzeuge – Die treuen Begleiter in meiner Backstube
Ich bin kein Fan von übertriebenen Küchenmaschinen, doch für dieses Brot nutze ich eine Handrührmaschine mit Knethaken. Sie gibt mir die Kontrolle, ohne mir das Gefühl zu nehmen, noch selbst Teil des Prozesses zu sein.
Was ich außerdem brauche:
- Eine große, luftdichte Schüssel (2–2,5 Liter)
- Ein Teigschaber – das stille Werkzeug, das oft unterschätzt wird
- Ein Bogen Backpapier
- Eine Sprühflasche oder ein kleiner Messbecher mit Wasser
- Zwei kräftige Hände – vor allem, wenn der Teig „widerspenstig“ wird
4. Der Beginn – Wenn Wasser auf Mehl trifft
Der Moment, in dem ich die Hefe mit dem lauwarmen Wasser und dem Honig verrühre, ist der erste Flügelschlag meines Brotes. Es beginnt zu leben. Ein zartes Schäumen setzt ein, wie das erste Kichern eines Kindes. Dann kommt das Mehl – ich siebe es nicht, ich lasse es in seiner natürlichen Form. Mit der Maschine beginne ich, den Teig zu formen. Langsam zuerst, dann etwas kräftiger.
Die Ränder der Schüssel verraten mir, wann es genug ist – wenn der Teig sich sauber löst, wenn er wie ein kleines, weiches Kissen aussieht. Dann, und nur dann, ist er bereit für seinen ersten Schlaf.
5. Die erste Gärung – Das Warten lohnt sich
Ich öle meine Schüssel sorgfältig ein. Nicht aus Pflicht, sondern aus Respekt vor dem Teig. Ich gebe ihm Raum. Er darf sich entfalten, sich strecken, sich regen. Nach 30 Minuten greife ich mit feuchten Händen hinein – vorsichtig, als würde ich ein lebendiges Wesen berühren.
Ich ziehe den Teig von den Seiten und falte ihn zur Mitte. Diese Bewegung wiederhole ich dreimal, jeweils im Abstand von 30 Minuten. Es ist ein Ritual. Eine meditative Handlung. Nach 90 Minuten hat der Teig einen Körper bekommen – weich, elastisch, aber stark.
Dann kommt der große Moment: Ab in den Kühlschrank. Mindestens 8 Stunden – besser über Nacht. Und in dieser Zeit geschieht das Wunder.
6. Am nächsten Morgen – Der Teig ist ein Kunstwerk
Ich öffne den Kühlschrank wie eine Schatztruhe. Der Teig hat sich verdoppelt, vielleicht verdreifacht. Blasen haben sich gebildet – kleine Luftkammern, als wären darin kleine Träume gespeichert.
Auf meiner Arbeitsfläche streue ich eine großzügige Menge Mehl. Kein Zögern. Ich kippe den Teig aus der Schüssel – er fällt langsam, fast majestätisch. Ich schneide ihn mit dem Teigschaber – kein Drücken, kein Ziehen. Ich lasse ihn, wie er ist: unregelmäßig, rustikal, ehrlich.
Ich liebe diese Form von Backen – sie ist das Gegenteil von Perfektionismus. Jeder Schnitt ist ein Stück Charakter, jedes Brötchen ein Individuum.
7. Die zweite Gärung – Noch einmal Geduld
Die Teiglinge ruhen nun auf dem Backpapier. Ich decke sie mit einem sauberen Tuch zu – wie Babys, die noch eine Weile schlafen müssen. 30 Minuten – genug Zeit, um den Ofen vorzubereiten.
8. Der Ofen – Das Herzstück des Geschehens
15 Minuten vor dem Backen schalte ich den Ofen auf 200°C (Ober-/Unterhitze). Unten stelle ich ein altes Backblech hinein – es wartet auf das Wasser, das gleich den Dampf erzeugen wird.
Wenn der Ofen heiß ist, gieße ich 50 ml Wasser auf das heiße Blech. Es zischt, es dampft, es lebt. Ich schiebe sofort das Brot hinein. Die ersten 10 Minuten backe ich mit Dampf – dann öffne ich die Tür, lasse ihn entweichen, und die Kruste beginnt zu entstehen. Noch 10 Minuten. Dann ist es vollbracht.
9. Der Duft – Eine Ode an das Glück
Wenn das Brot aus dem Ofen kommt, muss ich mich zusammenreißen, nicht gleich hinein zu beißen. Der Duft ist überwältigend – er erzählt Geschichten von Italien, von warmen Nachmittagen unter Olivenbäumen, von Märkten und Lachen.
Die Kruste ist knusprig wie Herbstlaub, das unter den Füßen knackt. Innen ist das Brot weich, luftig, fast wolkengleich. Jedes Stück hat seine eigene Textur, seine eigene Seele.
10. Die Brötchen – Kleine Geschwister mit großem Geschmack
Was für das große Ciabatta gilt, gilt auch für die kleinen Brötchen. Ich forme sie aus dem gleichen Teig, achte jedoch darauf, sie kleiner, kompakter zu schneiden. Der Rest bleibt gleich – die Liebe, die Geduld, der Dampf.
Sie sind ideal für ein Frühstück, ein Picknick, eine Vesper unterwegs. Ich liebe es, sie lauwarm aufzubrechen, ein Stück Butter darin schmelzen zu lassen – das ist kein Frühstück, das ist eine Offenbarung.

11. Was passt dazu? – Genuss ohne Grenzen
Ein frisches Ciabatta ist ein Chamäleon der Küche. Es passt sich an, es lädt ein, es überrascht. Hier meine liebsten Kombinationen:
- Mit Olivenöl und Balsamico – Die klassische Variante. Einfach, ehrlich, erdig.
- Mit frischem Mozzarella, Tomaten und Basilikum – Sommer auf der Zunge, egal bei welchem Wetter.
- Mit gegrilltem Gemüse – Aubergine, Zucchini, Paprika – das Brot saugt jeden Tropfen Aroma auf.
- Mit luftgetrocknetem Schinken und etwas Feigensenf – Eine Geschmacksexplosion.
- Mit Frischkäse und Lachs – Die perfekte Verbindung aus Cremigkeit und Tiefe.
Oder einfach pur. Denn ein gutes Brot braucht keine Begleitung. Es ist selbst der Star auf dem Teller.
Ein Stück Heimat – Mit eigenen Händen erschaffen
Ich kann mir kaum etwas Erfüllenderes vorstellen, als mit eigenen Händen Brot zu machen. Es ist Erdung, es ist Sinnlichkeit, es ist Schöpfung. Ein Ciabatta ist mehr als ein Brot – es ist ein kleines Kunstwerk, das wir mit Geduld, Liebe und ein wenig Mehl erschaffen.
Wenn ihr also das nächste Mal in eurer Küche steht, den Teig in euren Händen haltet und der Ofen vorwärmt – denkt daran: Ihr macht nicht nur ein Brot. Ihr macht einen Moment. Einen, der bleiben wird.